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Mein Freund, der „Long John“

Nein nein, wir sind nicht in einem amerikanischen Western-Film. Der „Long John“ war in meiner Jugendzeit in den 50er Jahren das wichtigste Arbeitsgerät der Laufburschen. Long Johns wurden in Dänemark vermutlich erstmals Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre hergestellt und konnten mit bis zu 100 kg beladen werden

In der damaligen Zeit war es wichtig, dass die Kinder, sobald sie in die Schule kamen, einen Job hatten und so etwas zum Lebensunterhalt beisteuern konnten. Ich habe vor der Schule Zeitungen ausgetragen und nach der Schule in einer Bäckerei gearbeitet, allerdings noch nicht mit einem „Long John“.

Genug der Geschichte, zurück zu meinem Freund „Long John“.

Long John

Auch ich hatte mit 15 Jahren meinen Job nach der Schule, als Laufbursche/Ausläufer eines Kolonialwaren-Geschäfts. Es war eine aufregende Zeit. Zuerst einmal zu lernen, wie man mit einem solchen Vehikel fährt, und dann natürlich auch, wie man plötzlich zu einer wichtigen Person wurde: die Kunden konnten anrufen und eine noch so kleine Bestellung aufgeben, dann hiess es mit dem „Long John“ losfahren, auch wenn es nur darum ging, einen Bund Peterli kurz vor Ladenschluss noch irgendwo in den fünften Stock zu bringen

Dazu noch eine kleine Episode: Eine notorische „Spätbestellerin“, die keine 500 Meter vom Laden entfernt wohnte, war immer schlecht gelaunt und hatte an allem etwas auszusetzen:  Die Waren seien nicht frisch, die Lieferung erfolgte zu spät etc. und von einem kleinen Trinkgeld konnte man nur träumen. So war ich dann erstaunt, als sie mir eines Tages ein „Scherflein“ gab mit dem Rat, , nicht alles auf einmal auszugeben. Dabei war es nur 10 Øre = damals knapp 7 Rp. Ich habe sie dann gefragt, ob es nicht möglich wäre, dass sie mir 10 Einøre-Stücke geben könnte, damit ich wenigstens das Gefühl bekäme mehr bekommen zu haben. Darüber war die Dame nicht sehr „amused“, und wart fortan auch nicht mehr Kunde. Nicht nur ich war froh, sondern auch der Ladeninhaber, denn auch am Telefon war sie sehr unfreundlich, die Bestellungen gab sie immer in einem Befehlston ab, wir nannten sie deshalb auch „Die Diktatorin“.

Mit dem „Long John“ rumzukurven war kein Problem, ausser bei Tramschienen und natürlich im Winter bei starkem Schneefall, das kleine Vorderrad scherte gerne aus, wenn es zu rassig um die Kurven ging. Auch wenn die Ladung zu gross war, ging es nicht immer reibungslos über die Bühne. Wenn ich im Bierdepot Bier holen musste, wurde manchmal so hoch gestapelt, dass ich über den Harassen kaum die Fahrbahn sehen konnte, gleichzeitig waren die Harassen in keiner Weise gesichert, was auch hin und wieder, beim Anhalten zum Beispiel, zu katastrophale Situationen und einer regelrechten Bierschwemme auf der Strasse führte!

Der „Long John“ war ein einfaches Velo, ohne Handbremse oder Gangschaltung, es war eher wie die alten Schweizer-Militärvelos – nur ein Gang und Rücktritt. Trotzdem wurde der „Long John“ auch als Sportgerät benutzt.

Einmal im Jahr wurde im lokalen Stadion das sogenannte „Fest der Berufe“, ein sportlicher Wettkampf, durchgeführt. Unter anderem wurde für uns Laufburschen/Ausläufer Velorennen in verschiedene Altersklassen durchgeführt. Wir mussten nicht nur im Kreis herumfahren, es war eher ein Hindernisrennen, weil wir an verschiedene Stationen Harassen auf- und abladen mussten. Spass hatten wir immer, und gleichzeitig hat man unter den anderen Laufburschen/Ausläufer Freunde gefunden – ich pflege heute – nach 60 Jahren -  noch immer zu jemandem von damals Kontakt

Wenn wir mit der Pfadi Zelten fuhren, war das immer per Velo. Die Zelte und das Gepäck wurden dann von den Leitern mit „Long Johns“ transportiert.

Leider ist die Zeit, wo man gefahrlos mit dem Velo herumfahren konnte, vorbei. In Dänemark war es damals, und ist es zum Teil heute noch, normal, dass man, wenn immer möglich, alle Strecken mit dem Velo zurücklegt. Zehn oder mehr Kilometer mit dem Velo zur Arbeit: kein Problem. Dass die Schüler von den Eltern zur Schule gefahren werden, das wäre absolut nicht infrage gekommen, entweder zu Fuss oder eben mit dem Velo.

Zum Schluss noch: Dass der alte „Long John“ aufgemöbelt und modernisiert wurde, finde ich einfach super und freue mich jedes Mal, wenn ich so ein Cargo-Bike sehe, dann gehen meine Gedanken zurück zu „Damals in Dänemark“.

Ein Blog von Flemming Salhauge, Hildisrieden

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